#Sexarbeit – Das Interview – Akt mit 17 Fragen

Wie bist Du zur Sexarbeit gekommen?

Ich bin nun seit mehr als 25 Jahren im Business. Was anfangs nur eine reine private Passion war, hat sich durch Anfragen a la „Machst Du es auch für Geld?“ über die Jahre erweitert. Erst versteckt und dann gerade in den letzten Jahren ziemlich offen bis hin zum Komplett-Outing 2017. Seit Anfang 2019 bin ich offiziell gemeldet (Buzzword „Bockschein“) nach Prostitutionsschutzgesetz mit meinem Künstler- und meinem Realnamen.

Tatsächlich betreibe ich mein Gewerbe nebenberuflich und arbeite im Hetero-Escort als Dominus für vermehrt weibliche Singles (D/s und/oder SM) und Paare (Cuckolding, D/s und/oder SM).


Kannst Du von der Sexarbeit leben?

Nein. Aber ich wünschte es wäre so. Was als Hetero-Escort wirklich und wahrlich nicht bis gar nicht möglich ist. Da ich jedoch ein Extrem-Switcher bin, überlege ich meine männliche Submission entsprechend für Singles und Paare einzubringen.


Was antwortest Du, wenn Dich jemand nach Deinem Beruf fragt? Wie sind die Reaktionen?

Bisher habe ich keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht. Ich laufe zwar nicht mit einer Leuchtreklame umher, aber wer mich was fragt, bekommt seine Antwort und muss dann mit dieser Information weiterleben. Das Stigma der Sexarbeit nachzugehen trifft mich persönlich nicht so sehr, wie meine Kolleginnen.


Macht Dir die Arbeit Spaß oder möchtest Du eigentlich lieber aufhören? Wenn Du aufhören wollen würdest, könntest Du?

Ja, Nein und Ja.

Da ich die Sexarbeit nur nebenberuflich betreibe und ansonsten einem sozialversicherungspflichtigen Job nachgehe, habe ich hier keinen Druck. Daher kann ich mir meine Kunden quasi aussuchen und muss nichts machen, was ich nicht mag. Ich bin ein sehr sexpositiver Mensch und würde jede Gelegenheit nutzen sofort aus meinem Job auszusteigen, um nur noch der Sexarbeit nachgehen zu dürfen.


Musst Du Dich vor der Polizei in Acht nehmen? Begegnet Dir die Polizei / der Staat eher feindlich oder hilfsbereit?

Ich führe meinen „Bockschein“ immer mit mir, sobald ich Sexarbeit bezogen tätig werde. Leider bin ich noch nie in eine Kontrolle geraten, um in ein verdutztes Gesicht eines Ordnungshüters zu schauen, dass nicht die Dame an meiner Seite, sondern ich der Sexarbeiter bin.

Zurückblickend war die Gesundheitsberatung Anfang des Jahres eine sehr angenehme Sache.


Versuchst Du Menschen, die Sexarbeit als „schmutzige Arbeit“ betrachten und mit Menschenhandel gleichsetzen, vom Gegenteil zu überzeugen?

Sehr viele Vorurteile über Sexarbeit kommen aus Emotionen heraus, welche nicht versachlicht sind. Da fällt es mir sehr schwer einen Anhaltspunkt zu finden und zumeist lohnt sich das Gespräch hier auch nicht wirklich. Aber es gibt auch Unwissenheit über meine Arbeit, weil ich ja potenziell dem Fremdgängertum Beistand leiste. Viele Menschen haben aus für mich völlig falschen Motiven Angst vor mir, so als würde ich ihnen etwas wegnehmen.

Als Dominus legalisiere ich zum Beispiel meine Bereitschaft zur Gewalttätigkeit, um Frauen verachtende Dinge an und mit Frauen zu tun. Das diese als Kundinnen zu mir kommen, weil sie auf eine ganz spezielle Weise Intimität und Nähe erleben wollen wird nicht weiter wahrgenommen. Meine Kunden sind übrigens alle krank und ich fördere diese Krankheiten, die es ohne mich nicht geben würde. Ich kann dann ziemlich direkt werden, wenn es um persönliche Angriffe auf mich oder meine Kundinnen und Kunden geht.

Ironischerweise höre ich diese Sätze nie, wenn ich dem Kontrahenten als männliche Sub gegenübertrete. Das finde ich erstaunlich.


Ist Sexarbeit Deiner Meinung nach mit Ehe und Familie vereinbar oder ist das eher schwierig?

Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die ich kenne, sind verpartnert und/oder haben sogar Kinder. Sie schirmen ihre Arbeit jedoch vor den Kindern meistens ab und dass weniger, weil sie ihren Kindern nicht vertrauen, sondern um sie in der Schule zB nicht zum Mobbingopfer zu machen. An der Geschichte, dass Menschen mit der Sexarbeit aufhören, wenn sie frisch verliebt eine Beziehung eingehen, ist jedoch auch viel Wahres dran.

Ich kenne das so, dass Sexarbeiter*innen in der einen Stadt wohnen und in einer anderen Stadt arbeiten. Wie das aber auch in jedem anderen Beruf so sein kann.


Gibt es Zahlen dazu, ob Frauen primär Dienste von Sexarbeiterinnen oder Sexarbeitern in Anspruch nehmen?

Nö.

Es gibt keine Zahlen hierzu. Und es gibt auch keine offiziellen Zahlen dazu, wie viele Menschen überhaupt der Sexarbeit nachgehen. Das sind alles nur merkwürdige Hochrechnungen und Schätzungen.

Gefühlt ist es jedoch so, dass, in meinem Beritt, Dominas einfacher zu finden sind, als Dominus. Wir, als Dominus, sind nicht so einfach zu finden, weil uns viele Erotikportale als „Verkappte Freier“ von Anzeigen ausschließen oder grundsätzlich keine Sexarbeiter*innen zulassen. Daher mag ich annehmen, dass auch heterosexuelle Frauen ihre ersten Schritte mit Kolleginnen machen. Was ich persönlich den Kolleginnen natürlich gönne, aber auch schade finde.


Gibt es mehr Sexarbeiterinnen oder Sexarbeiter?

Ich möchte dazu tendieren, dass wenn man sich die Angebote so anschaut, dass es wesentlich mehr weibliche als männliche Sexarbeiter gibt.

Das ist meiner Meinung nach nicht systembedingt durch meine Stigmatisierung als „verkappter Freier“, sondern in der Mentalität der Männer verbaut. Für sie ist Sex meist mehr eine Grundlage der persönlichen Zufriedenheit und Frauen haben das einfach erkannt und sind demnach in der Sexarbeit die absoluten Marktführer. Auch die Trennung von Sex und Liebe ist bei Männern wohl eher gegeben, weil der schnelle Fick zwischendurch nichts an den Gefühlen für das Weib daheim ändert.

Daraus schließe ich für mich, dass Männer auch die wesentlich größere Anzahl der Kundschaft darstellen.

Um jedoch gleich dem Shitstorm vorzubeugen: Die üblich gut unterrichteten Kreise (hier: Kolleginnen und Kollegen im Berufsverband) berichten jedoch von einem zarten und dezenten Aufkeimen weiblicher Libido als Kundschaft. Durchaus ein Zeichen veränderter Zeiten im Rahmen eines gesunden Feminismus. Sie nehmen ihre eigenen Bedürfnisse wahr und verfolgen diese auf einem für sie sicheren Weg. Sexarbeiter*innen gelten als Experten auf ihren jeweiligen Gebieten.


Gibt es Zahlen dazu, wie viel Prozent der Sexarbeit (un-)freiwillig ist?

Nö.

Man kann jedoch ein wenig was herleiten, wenn man sich durch Urteile durchhangelt, welche sich mit Straftaten sexualisierter Gewalt beschäftigen.

Meine Kollegin Undine de Rivière hat hierzu herausgefunden, dass es grundlegend einen Unterschied gibt zwischen den tatsächlichen Zahlen gemessen in Urteilen und der Dunkelziffer gemessen in eingestellten Verfahren ohne Urteil oder Dinge, die nie zur Anzeige gebracht werden. Schaut man sich nun die Urteile an und filtert den Anteil der „üblichen“ sexualisierten Gewalt, welche vermehrt im persönlichen Umfeld des Opfers stattfindet, heraus, dann bleibt für sexualisierte Gewalt gegenüber Sexarbeiterinnen nicht mehr viel übrig. Und die Methoden der Statistik müssten daher in der Folge entsprechend dem prozentualen Anteil in den Urteilen auch die Dunkelziffer behandeln. Kommt man also auf 80% „übliche“ sexualisierte Gewalt in Urteilen, so muss die Dunkelziffer ebenfalls mit 20% bei der sexualisierten Gewalt gegen Sexarbeiterinnen einschlagen.

Da diese Sisyphusarbeit jedoch ziemlich anstrengend ist, macht sich kaum jemand wirklich Mühe mit sowas. Daher kommt man in vielen Berichten immer auf so hohe astronomische Summen, dass es mehr unfreiwillige als freiwillige Sexarbeit gibt.

Wenn ich mich als Sexarbeitsgegner übrigens ständig in Beratungsstellen bewege, die sich mit dem Ausstieg aus der Sexarbeit beschäftigen, dann muss ich zum Schluss kommen, dass es keine freiwillige Sexarbeit gibt. Weil dort kaum Menschen arbeiten oder sich beraten lassen, die es freiwillig machen.


Ist das Einteilen in „gute“ freiwillige und „schlechte“ unfreiwillige Sexarbeit überhaupt möglich oder kann selten eine so genaue Linie gezogen werden? Bzw. wo siehst Du persönlich die Linie bei Sexarbeit aus persönlicher Not oder erst bei der Nötigung?

Es gibt freiwillige Sexarbeiter, die können nicht gut blasen, bieten es aber dennoch an und haben somit mit Oralverkehr keinen Erfolg.
Es gibt genötigte Sexarbeiter, die sind fantastisch im Blasen und deren Auftragsbücher sind randvoll.

Was ist nun gut oder schlecht? Wer fühlt sich besser oder schlechter in seinem Job? Schwierig, oder?

Zu unterscheiden ist für mich Sexarbeit aus wirtschaftlicher Not von der Sexarbeit mit Nötigungshintergrund. Sexarbeit aus wirtschaftlicher Not ist keine Straftat und die Entscheidung der Sexarbeit ist dann auch freiwillig gefallen. Vorwürfe in Richtung dieser Person verbieten sich mir, weil sie/er wird sich das hoffentlich gut überlegt haben und gut informiert sein.


Was kann man konkret gegen unfreiwillige Sexarbeit tun?

Genötigte Sexarbeiter bemerkt man in aller Regel recht schnell. Deren Stimmungslage „verunreinigt“ das Untereinander zwischen den Sexarbeiter*innen zB in einem Bordell ziemlich zügig. Gut geführte Bordelle nehmen das auf und bieten Gespräche darüber an und geben dann auch Hinweise zum sicheren Ausstieg.

Vor allem existieren bereits heute alle nötigen Gesetze für Straftaten aller Art, die es nur konsequent anzuwenden gilt. Es braucht kein gesondertes „Strafrecht Sexarbeit“.


Was hat sich durch das ProstSchG geändert? Was hat sich verschlechtert oder verbessert?

Das ProstSchG ist so überflüssig wie ein Kropf. Es erreicht nicht die Formen von Sexarbeit, die es schützen will. Vielmehr sehe ich es so, dass das ProstSchG die Gesellschaft vor der Sexarbeit schützen will und somit ein weiterer Schritt in Richtung Stigmatisierung der Sexarbeit darstellt.

Es wird ein finanzrechtliches Konstrukt erschaffen, dass eine höchst persönliche Dienstleistung, welche absolut legal ist, in ein Gewerbe zwingt, welches man überhaupt nicht anmelden kann. Und selbst wenn ich annehme, dass es ein guter Schritt wäre, dass ich ein Gewerbe auf meine Sexarbeit anmelden kann, so habe ich nur die Pflichten gegenüber dem Finanzamt gewonnen. Ich habe jedoch kein Gramm mehr Rechte erhalten. Das ist barer Unsinn.

Da es sich um Bundesrecht handelt, welches ohne Umwege über ein Landesrecht direkt jede Kommune für sich selbst auslegt, gibt es unterschiedliche Formen der Diskriminierung in der Ausführung. Die Stadt München hat zur Drucklegung dieses Beitrages hierfür ein eigenes Gebäude angemietet, welches nur Anfragen und Anmeldungen nach ProstSchG behandelt. Somit ist jedem Menschen an diesem öffentliche Ort klar, dass da die Frauen reingehen, die als Nutten wieder rauskommen. Das ist schon ein starkes Stück und hat nichts mit Schutz der freien Berufswahl zu tun.


Was hältst Du vom „nordischen“ Modell?

Nix.

Und bei böser Betrachtung ist das ProstSchG irgendwie ein Einführungsgesetz hierzu.

Sexarbeiterinnen dürfen nach „nordischem“ Modell zwar legal ihrer Tätigkeit nachgehen, aber nicht mehr gemeinsam in einer Wohnung mit jemand anderen. Sie müssen allein arbeiten und haben keinen Schutz mehr durch jemanden, der im Zweifel Hilfe holen kann. Die Freierbestrafung greift nicht, denn nur weil etwas illegal ist, wird es dennoch gemacht. Mord ist ja auch verboten und dennoch wird in Ländern, wo es dafür die Todesstrafe gibt, gemordet. Die Sexarbeit wird prekärer, verschwindet mehr im Untergrund und wird damit gefährlicher für die Sexarbeiterinnen.

Ich stelle mir soundso die Frage, warum kaum mit Sexarbeiter*innen gesprochen wird, wenn es um solche Sachen geht. Gut, dass es dafür nun den Berufsverband gibt, der sich hierfür anbietet.


Wie würde Deiner Meinung nach ein ideales Gesetz zur Sexarbeit aussehen, dass die schützt, die zur Sexarbeit gezwungen werden und die unterstützt, die gerne als Sexarbeiter*innen arbeiten?

Geltendes Strafrecht gegen straftätige Freier und Zuhälter konsequent anwenden.

ProstSchG abschaffen. Sexarbeit als Gewerbeanmeldung mit allen Rechten und Pflichten möglich machen.


Was können wir als Gruppe tun, um das Thema Sexarbeit zur entstigmatisieren?

Ich freue mich sehr darüber, dass ihr euch an mich gewendet habt, um eure Fragen klären zu können. Der unverkrampfte Umgang mit Sexarbeiter*innen ist ein deutlicher Anfang zur Entstigmatisierung. Wenn ich mal in der Nähe bin, komme ich gerne mal bei euch vorbei.

Sexarbeiterinnen sind mitten unter uns. Eventuell gibt es auch ein Bordell in eurer Nähe, welches ihr mal besuchen wollt? Einfach mal da anrufen und fragen, ob das außerhalb der Öffnungszeiten ginge und ob eventuell auch eine/einer der Sexarbeiterinnen anwesend sein kann.

Natürlich frage ich mich schon, was ich in eurem Alter schon von Sexarbeit wusste 😉 Aber es ist wichtig in Kontakt zu bleiben und sich zu vernetzen. Dabei helfe ich gerne, wenn ich kann und darf.

Redet über Sexarbeit und lasst euch nicht abwimmeln. Stellt Fragen und hinterfragt alles und jeden. Immer wieder. Jeden Tag. Denn nur so kann sich eine Gesellschaft entwickeln.


Bringt es was auf kommunaler Ebene was zu verändern oder müsste sich damit die Bundesebene befassen?

Die Stadt Köln hat die Gesundheitsberatung für und die Anmeldung als Sexarbeiter*in auf einem Flur zentral in das Einwohneramt Köln-Deutz verfrachtet. Da gehen täglich 1000e von Menschen rein, wegen allem Möglichen. Keine Ahnung, wie das bei euch aussieht, aber es ist einen Einsatz wert mal zu fragen, wie das bei euch aussieht? Wie wird das ProstSchG bei euch umgesetzt? Sind die Mitarbeiter entsprechend geschult? Alles Fragen, die eure Fraktion im Rat eurer Gemeinde mal anbringen kann. Das Ergebnis würde mich interessieren 🙂

Die Umsetzung des ProstSchG liegt alleine in kommunaler Verantwortung und bis dahin sollte die Bundesebene vielleicht mit eurer Hilfe daran arbeiten ein paar exaktere Ausführungsbestimmungen zu erlassen, so dass die Städte und Gemeinden in der Umsetzung dezente Vorgaben haben, die Sexarbeiter*innen bereits bei der Gesundheitsberatung zu und Anmeldung als Sexarbeiter schützen.


Das Interview mit der „Grüne Jugend Traunstein“ wurde als Skype-Interview am Sonntag, den 18.08.2019 mit mir geführt. Es handelt sich hierbei um ein Gedächtnisprotokoll.