Übergriffigkeit und deren Notwendigkeit im D/s

Viele Legenden und Mythen ranken sich um den Begriff „Übergriffigkeit“ und tatsächlich ist im D/s nicht alles richtig oder falsch, nur weil es gerade geschieht.

Jedoch kommt es auf den genaueren Kontext an und basierend auf diesem Gedanken kommt eben auch der Definitionsgedanke aka SSC, RACK, META wieder auf.

Ich gebe mir Mühe, ist jedoch alles nur meine eigene Weisheit.


Wenn SSC (Safe Sane Consensual) anliegt, dann stelle ich für mich in Frage, ob D/s mit SSC überhaupt denkbar ist.
Es gibt ganz genaue Absprachen und innerhalb dieser Grenzen habe ich mich als Dom zu bewegen. Ob mir das nun passt oder nicht.

Ist Analsex auf der roten Liste, dann habe ich keinen Analsex.
Wenn ich diesen forciere, dann bin ich nicht nur übergriffig, sondern begehe eine Straftat.
Allerdings ist es auch zu kurz gesprungen nur dem Dom alleine die Schuld zu geben.

SSC entlässt auch die Sub nicht aus der Verantwortung im Zweifel das Safeword zu schmeißen, wenn Dom sich außerhalb der Regeln bewegt. Denn dafür hat sie eines.

Der Dom ist also nicht nur ein Straftäter, sondern die Sub ist zusätzlich auch dumm, wenn sie das Safeword nicht benutzt.


Ich höre nun stille Stimmen, die laut „VictimBlaming“ rufen, weil die Sub sich ja hingibt im Vertrauen, dass nichts im SSC geschieht, was nicht vereinbart war. Jedoch ist SSC in meinen Augen ein Konstrukt, an welchen zwei Menschen beteiligt sind. Ergo tragen beide zu gleichen Teilen die Verantwortung für das Geschehen. Auch während einer Session.

Ein Safeword zu schmeißen ist immer eine Klatsche, aber eben auch ein deutliches Signal, ein Korrektiv von unten nach oben. Man darf als Sub keine Angst haben es zu benutzen. Darüber muss Klarheit herrschen und ein Dom, der spätestens beim Safeword nicht reagiert ist kein Dom, sondern zusätzlich nicht nur Straftäter, sondern auch ein Arschloch.

Ich lasse das mal so hart wirken.


Jetzt kommen wir aber auch zu der Frage, was denn Übergriffigkeit im BDSM bedeutet?
Wann ist es „konsensuale“ Übergriffigkeit und wann nicht?
Und: Ist konsensuale Übergriffigkeit überhaupt existent, weil es schon ein Widerspruch in sich ist?
So ähnlich wie zB: „Demütigen Sie mich, aber bitte nur exakt so und so und so?“ Ist das dann noch Demütigung?

Wenn ich oben den Arschfick nehme, dann ist das ganz klar eine Strafttat. Es handelt sich um einen Akt, der von vorne herein ausgeschlossen ist. Schuld hat alleine der Dom, der die Grenze überschreitet. Es ist möglich darüber zu streiten, ob es eine Mitbeteiligung der Sub gibt, da diese kein Safeword geworfen hat. Ich halte das privat-juristisch für falsch.

Nehmen wir jedoch ein anderes Szenario: Der Dom greift der Sub an das Halsband und schleift sie hinter sich her um sie aufs Bett zu werfen.

Wenn das bereits übergriffig ist, dann muss das doch auf der roten Liste stehen, richtig? Es muss ausgesprochen sein, dass dies nicht gewollt ist. Oder ist das „konsensuale“ Übergriffigkeit, die nicht vielleicht sogar erwartet wird. „Der Dom solle sich nehmen, was er braucht!“. Wie exakt muss das Regelwerk sein, damit Dom sich immer zu 100% richtig verhalten kann?

Ich wage zu behaupten, dass D/s ohne eine gewisse Form des nicht erwarteten Zupackens, nicht als D/s bezeichnet werden kann. Vor allem, weil man nicht jede Situation von vorneherein kennt.

Auf eine konkrete Frage nach „Magst Du Ohrfeigen?“ muss ein bestimmtes „Ja!“ oder „Nein!“ oder „Habe ich keine Erfahrung mit!“ kommen. Wenn jedoch nur ein koketter Augenaufschlag kommt mit „Ich weiß nicht?“ ist das ein „Ja!“ oder „Nein!“? Nehmen wir an, das alles, was nicht „Ja!“ ist ein „Nein!“ sein muss, dann kann ich dem durchaus folgen. Was aber auch bedeutet, dass die Liste der Dinge, die NICHT erlaubt sind, ziemlich lang sein dürfte.

Meiner Meinung nach hat ein Dom sich in den Grenzen zu bewegen, welche gemeinschaftlich aufgestellt sind. Wenn jedoch Sub „jeden Tag nach Lust und Laune“ diese Grenzen ändert, was ihr gutes Recht als Individuum ist, dann kann ich das jedoch nicht mehr D/s nennen. Es fühlt sich dann eher als d/S an und eben auch nach „topping from the bottom“. Dann ist die Sub der dominante Part und führt den Dom nach ihren Wünschen an der Leine durch die Manege. Es degradiert den Dom zu einem reinen Wunscherfüller. Und bringt die Sub in den Bereich der Erlebnissexualität. Ich befürchte, dass mit D/s nicht gemeint ist, dass es eine dominante Sub und einen submissiven Dom gibt. 

Zu wissen, was man NICHT will ist sehr wichtig, aber wer weiß das schon so genau. Ich habe als Dom zu Beginn meiner bald 25 Jahre Dinge für nicht diskutabel gehalten, die mittlerweile liebgewordene und nicht mehr wegzudenkende Kinks sind. Ohrfeigen habe ich durch Lisa zu schätzen gelernt. Es ist für sie eine unbedingte Form der Demütigung, nicht nur für Strafen, sondern auch so zwischendurch. Weil mir danach ist. Sie hat mir dafür jedoch auch das OK gegeben, weil sie es mir erklärt hat, dass genau diese kontext-losen Demütigungen ihr Kick sind. Sie erwartet von mir Übergriffe dieser Natur, welche von anderen Subs komplett abgelehnt werden.

Ich bin also ein Spiegel meiner Sub und werde das immer sein. Und ich glaube, dass nur auf diese Art und Weise Übergriffe in Ordnung gehen. Allerdings ist das nur bedingt SSC. SSC verlangt, dass meine Ohrfeigen einen Grund haben. Sie sind Bestandteil einer tiefen Kommunikation. Sind sie auch: Der Grund ist, dass Lisa diese ohne Grund braucht, sie hat mir das nach langer Kommunikation ins Pflichtenheft geschrieben. Aber nach meinem Dafürhalten ist diese Regelung schon RACK.


 

Wenn SSC als ständige Basis gemeinsamen BDSM existiert, dann ist das eine gute Sache. Gerade als Anfänger auf beiden Seiten der Leine kann ich das nur empfehlen. Auch ich beginne ausnahmslos jede BDSM-Beziehung auch zu noch so erfahrenen Subs immer bei „0“. Ich nähere mich an, sie nähert sich an und vielleicht sind wir aufgrund der Erfahrung schneller an den Grenzen, weil wir wissen wie der Hase läuft. Richtig ist, im SSC, dass Grenzen „gemeinsam“ verschoben werden. Es muss Klarheit über den „gemeinsamen“ Weg herrschen. Das Wunderwerk lautet Kommunikation. Miteinander sprechen hilft. Immer.


D/s ist in meinen Augen jedoch nur im RACK-Bereich denkbar. Der „Risk Aware Consensual Kink“ instruiert alle Beteiligten zwar auch im Konsens zu leben, es muss also eine gemeinsame Basis geben, die noch intensiver kommuniziert wurde. RACK ist für mich eine natürliche Fortentwicklung aus dem SSC heraus. Sie bedingt jedoch, dass meine Partnerin und ich eine tiefere Bindung zueinander haben. Ich bin mir nicht sicher, dass man RACK erreichen kann, wenn die Partner im BDSM auf eine gewisse Art „beliebig“ sind. Weswegen Sexarbeit immer SSC sein muss. Das habe ich mittlerweile verstanden.

Auf der anderen Seite begleite ich Kundinnen auf Playparties oder in Pornokinos, die meine Expertise als Begleiter genau in diese Spelunken zu schätzen wissen. Sie wollen meine Begleitung in die RACK-Welt, weil sie vorgeführt und fremdgevögelt werden wollen, weil der eigene Partner zwar ständig von „sowas“ spricht, aber es nicht in die Tat umsetzt. Sie nehmen billigend fremdes Sperma auf ihren Körpern in Kauf, weil sie mir vertrauen, dass ich mich selbst aus der Szene zurück halte und alles überwache. Ich bin also der Garant, dass im RACK nichts geschieht, was sie mir nicht erlaubt haben, was zu geschehen habe. Sie sind sich aber auch darüber bewusst, dass die ein oder andere Praktik eben Risiken birgt, die ich nicht unter Kontrolle haben kann.

Stellt sich nun also die Frage, ob ich derlei Anfragen ablehnen muss? Wenn eine selbstbewusste Frau sich mir öffnet und mich bittet ihre Bedürfnisse zu befriedigen, kann das nicht auch Inhalt von Sexarbeit sein? Oder darf ich das nur „ehrenamtlich“ machen? Also ohne Geld? Ich denke, dass es durchaus erlaubt sein muss, gerade wenn wir uns darüber Gedanken machen, dass eine sexpositive Frau sich nicht darüber definieren muss wechselnde Partner zu haben oder FemDom sein muss, sondern sich einen Sexarbeiter genehmigt, der ihre wildesten Träume im Rahmen der realistischen und intensiv besprochenen Möglichkeiten erfüllt. Die sich einen gewissen Traum von „manhandled slut“ erfüllen mag. Hinweis: Diese Vorgespräche dauern durchaus etwas länger und sind Inhalt intensiver Gespräche, die allesamt ihre Zeit Wert sind. Selbst wenn es am Ende nicht oder nur einmal geschieht.


Im RACK bin ich übergriffig. Ich muss es sein. Es wird erwartet, dass ich mir mehr als im SSC nehme, was ich will. Die Liste der NoGos ist deutlich kürzer. Die Partnerinnen wissen, was sie wollen und ich fackele dann nicht lang. #3K sagte mir, dass sie etwas Wichtiges mit mir besprechen wollte. Sie wusste nur nicht, wann der richtige Zeitpunkt wäre. Als der für sie richtige Zeitpunkt kam, hatte ich jedoch andere Pläne, die ich durchführte. Sie fügte sich, weil das nunmal auch nicht zu ihrem Nachteil ist, sich zu fügen. Und weil ich nicht wusste, dass sie mir was mitteilen wollte, war mein Zeitpunkt am Ende richtig. Wir haben dann später über ihr Thema gesprochen. Alles gut.

RACK ist auch das Spielfeld für Tunnelspiele (so mit Brennesseln und so). Da ich jedoch nicht „so ein Sadist“ bin führe ich das nur der Vollständigkeit halber auf.


Ohne nun noch auf die META-Ebene, als den Metakonsens aka „Consensual Non-Consent“, einzugehen, in welcher sich die „O“ bewegt, ist Übergriffkeit im D/s einfach notwendig, denn ohne sie wirkt die Magie des D/s nicht. Wer mit vielen Menschen spielt und sich auf diese Art nicht ganz so intensiv bindet/binden kann oder gar will, für den ist die „konsensuale“ Übergriffigkeit etwas völlig anderes, als für jemanden, der seinen Partner länger kennt. Daher kann meiner Meinung nach hier nicht wirklich in einem Schwarz/Weiß-Muster gedacht werden.

Meine Subs wissen, dass es einige Dinge gibt, die auf deren roten Listen stehen, die ich jedoch brauche. Sie sind sich jedoch auch darüber bewusst, dass ich nur gemeinsam mit ihnen die Dinge von der roten Liste angehe. Um sie in meine Welt zu holen, dass sie ihre Wohlfühlzone schrittweise um meine erweitern. Aus Neugier. Und aus purem Vertrauen in mich. Und ja, manchmal ist eine gewisse Form auch der „konsensualen“ Übergriffigkeit notwendig.

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