Das Licht im Dunkel

Es war einer dieser Tage, an welchen nichts so richtig gelingen wollte. Lange vor dem Wecker wach werden ist wohl nichts, wonach irgendjemand wirklich strebt. Der Kaffee schmeckte bitter und auch die üblichen zwei Süssstoffpillen konnten daran nicht viel ändern. Einziges Licht am Ende des Tunnels war der Gedanke daran, dass sie diese Nacht endlich wieder ihre Maske fallen lassen konnte.

Er hatte sie eingeladen einen „O“-Moment mit ihm zu teilen. Und auch wenn sie normalerweise ihm Geheimnisse ziemlich leicht aus der Nase ziehen konnte, so versuchte sie es gar nicht erst. Sie wusste, dass er diesbezüglich einen Knebel im Mund hatte und er sie eher aufs Glatteis führen würde. Sie grinste.

Was ein komischer Kauz dieser Mann doch ist. Ein kleines Sensibelchen ab und an. Ziemlich still. Nicht wirklich ein Stein, aber ein ruhiger Fels für ihre Brandung. Es war nicht einfach ihn aus der Fassung zu bringen. Er nahm einfach alles an und sie konnte sich immer an ihm abarbeiten um selber zur Ruhe zu kommen. Jemand, dem das alles nichts ausmacht. ‚Würde er jemals herausfinden, was er mir wirklich bedeutet, wo soll ich dann mit meiner Axt hin?‘, dachte sie und lächelte in ihre morgendliche Twitter-Timeline.


Die Art wie er mit ihr umging tat ihr einfach gut. Auch wenn sie sich manchmal wünschte, dass er ein wenig mehr aus sich herausgehen würde. Nie ein Wort des Missfallens. Nie ein Wort der Missgunst. Aber am Ende war ihr auch sehr bewusst, dass das genau die Dinge sind, die sie brauchte. Und sie war sich ebenso sicher, dass wenn ihm wirklich etwas gegen den Strich gehen würde, dann würde er sehr direkte und ernste Worte finden. Dann würde er eben auch im Leben den Mann geben, dem sie sich hinter den Türen des Schlafzimmers hingeben kann.

Er hatte diese Art an sich, diesen Schalter. Versteckt. Verborgen. Sie hatte lange nach diesem Schalter gesucht, wie sie ihn triggern konnte, was sie tun müsste um das Tier in ihm zu wecken. Was auch immer sie versuchte, er hatte sich im Griff. Er dominierte sich selber auf eine Art, die ihr ab und an sehr unheimlich war. Denn so locker und flockig, ja sogar flappsig er manchmal daher kam, so finster und dunkel wurden seine Augen. Und zwar von jetzt auf gleich. Ohne Ansatz. Ohne Warnung. Sie war seine ständige Beute.

So sehr sie auch emanzipiert von Kopf bis Fuß war, so wenig wehrte sie sich, wenn er sie unvermittelt an den Haaren durch die Wohnung zog, um seine pure Leidenschaft an ihr auszuleben. Würde er diese Tonlage auch im üblichen Leben zeigen, könnte sie nichts mit ihm anfangen. Aber wenn er nicht so wäre, wie er ist, wenn es um Sex geht, könnte sie erst recht nichts mit ihm anfangen. Er wusste, was sie wollte und sie gab es ihm.

Dinge wie Verlässlichkeit, Loyalität, Hingabe, pures und intensives Verlangen, sie hatte das in dieser Art nicht gekannt. Natürlich hatte sie Männer in ihrem Leben, aber kaum jemand war in der Lage genau diese Frau aus ihr hervor zu holen, die sie wirklich fühlte. Und das auch noch im richtigen Moment. Am rechten Ort. Niemals vorführend oder verletzend, demütigend gar. Diese Hure in ihr, die sich willenlos ihrem Jäger ergibt. Weil sie es so will.


Über den Tag schrieben sie nicht viel. Das tägliche Einerlei ließ beiden kaum Zeit die Libido künstlich am Leben zu erhalten. Beruf, Familie, Kinder – so lieb man alles hat, so gerne man auch tut, es sind einfach die Begrenzungspflöcke, die zu akzeptieren sind. Ab und an schickte er ihr ein Bildchen zu, sie warf ihm einen Kuss durch die digitale Autobahn zu. Das musste reichen.

‚Ihre Hure hat heute Nachtschicht für Sie.‘, war der intensivste Moment des Nachmittages überhaupt. Sie konnte ihre Gedanken erst dann so richtig fokussieren, wenn alles erledigt war. Kinder beim Vater, Haushalt erledigt, Post gemacht. Erst wenn der Alltag sie nicht mehr beschäftigte, konnte sie diesen auch sein lassen. „Das Leben und Streben einer Teilzeithure“, seufzte sie vor sich hin. Aber das war nun mal so.

Irgendwann war es dann soweit und die Dinge konnten ihren Lauf nehmen. Flugs stellte sie sich unter die Dusche und nahm ihren Körper in Augenschein. Sie rasierte sich frisch, drückte sich ein paar Pickel aus und spürte dem Wasser über ihrem Kopf noch ein wenig nach. Nackt mit Turban durch die Wohnung laufend überlegte sie, was sie sich in den Weekender packen sollte. Mittlerweile war ihr jedoch klar, dass bei einem „O“-Moment die 3H-Regel (Halsband, Halterlose, HighHeels) garantiert durchgedrückt würde. Also besser gleich alles anlegen und ein hübsches Kleid darüber. BH und Schlüpfer sind dann so und so überflüssig.

‚Ich bin unterwegs und freue mich sehr, dass Sie diesen besonderen Augenblick mit mir teilen möchten, mein Herr. Und ich wünsche mich nichts mehr, als dass Sie mehr als zufrieden mit mir sind.‘, textete sie ihm zu und stellte das Navigationsgerät auf das Ziel ein, welches er ihr gegeben hatte.


Als sie am Zielort eintraf, war es bereits dunkel. Sie bemerkte sein Auto und stellte sich neben jenes. Ihre Wertsachen verstaute sie in einer kleinen Handtasche, ansonsten nahm sie nichts mit. Handy in den Flugmodus und raus aus dem Auto.

Sie war alleine. Ihr Blick fiel auf ein kleines Häuschen, an welcher eine flimmernde Lampe gerade so die Türe anleuchtete. Sie hatte merkwürdigerweise keine Angst. Sie wusste, dass er sie bereits sah. Und es war ihr bewusst, dass seine Augen sich bereits verdunkelt hatten, gierig auf sie. Lüstern. Fokussiert. Nur an das Eine mit ihr denkend. Sie liebte ihn dafür.

Sie dachte noch kurz daran ihm zu zeigen, wie sie noch sein kann. Sie sollte einfach das Kleid ausziehen und sich hier vor dem Haus auf die Knie begeben. ‚Das würde ihm gefallen!‘, lächelte sie in sich hinein. Irgendwann würde sie genau das tun, da war sie sich sicher. Aber das wäre dann ihr Moment. Der Moment, wo sie diesen Mann sprachlos machen würde.

Sie klopfte an die Türe.

Als sie sich öffnete, konnte sie nicht wirklich erkennen, was sich hinter der Türschwelle verbarg. Aber seine Stimme war Verheißung und Einladung:

„Bitte lege nun Deine Kleidung ab. Danach erst kommst Du rein. Gehe exakt zehn Schritte. Dann bleibe einfach dort stehen.“

Sie konnte ihn deutlich spüren. Es war ihr, als könnte sie seine Erregung greifen und es war ihr sehr bewusst, dass er sie wirklich riechen konnte. Ihre Lust. Ihre Geilheit. Ihre Nervosität. Ihre Lasterhaftigkeit. Ihr Hure. Seine Hure.

Sie tat was er verlangte und legte ihre Sachen auf dem Boden ab. Sie ging an ihm vorbei und blieb nach zehn Schritten stehen. Beine gespreizt, Kopf gesenkt, Augen geschlossen. So was von bereit.

Er stellte sich hinter sie:

„Öffne Deine Augen.“

Am Ende des Flures flackerte eine Kerze.

„Du wirst keine Fragen stellen und alles tun, was ich Dir sage.“ – „Ja, mein Herr.“

Sie ging in die Knie.

Er griff ihr ins Haar. Fest. Es tat weh.

„Du wirst heute lernen, was es bedeutet Eigentum zu sein.“ – „Ja, mein Herr.“

Er drehte sich nach links und öffnete eine Türe. Dort brannten noch viel mehr Kerzen. Sie hinter sich herziehend, betrat er diesen Raum. Dort lag eine Matratze auf die er sie warf.

„Meine Herren, bitte bedienen sie sich!“

Sie ließ los und gab sich ihm hin. Sie wurde zum Licht im Dunkel.

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