Die Stufen

„Ja, Herrin!“

Das war alles, was sie sagte. Stumm schweigend, voller innerer Unruhe, folgte sie den Anweisungen der Senior Sub. In diesem Augenblick musste sie nicht nur gehorchen, sie wollte es auch. Weil ihr Herr ihr nur einmal sagen musste, dass sie den Anweisungen der Senior Sub ganz genau so zu folgen habe, als ob diese direkt von ihm stammen würden. ‚Das ist es wohl nun, dieses ‚O‘-Ding?‘ befragte sie sich.

Dabei war er noch nicht mal im selben Raum. Wohl im gleichen Gebäude, aber er war physisch nicht präsent. Er war „beschäftigt“, wie sie es nannte. Und dies schon die ganze Zeit. Bis auf die Tatsache, dass er sie mit einem Kuss auf die Stirn begrüßte, statt ihren demütigen Kuss auf seinen Ring abzuwarten. Das … war alles, was sie von ihm in den letzten, ewigen, zwei Stunden sah.

‚Also dann, ab dafür‘, dachte sie sich. Sie entledigte sich ihrer Kleidung und folgte der Senior Sub die Treppe hinauf. Ohne Zögern, ohne Abwarten, ohne Nachfragen. Ihre rechte Hand glitt den Handlauf entlang und ihre linke Hand spielte mit dem kleinen O-Ring ihres Halsbandes, um dann doch ein wenig die innere Unruhe irgendwie ableiten zu können. In ihren Gedanken ging sie sämtliche Szenarien durch, die sie in ihren wildesten Träumen mit ihrem Herrn durchleben wollte. In welchen sie sich von ihm angeleitet den leidenschaftlichsten Prüfungen hingeben würde.

Sie lächelte leise vor sich hin, grinste fast.

„Gibt es da was zu kichern?“

Die Senior Sub musterte sie abschätzig mit strengen Augen. Augen, die so lieb schauen, wenn der Herr an ihrer Seite steht und so kalt, wenn er nicht zugegen war.

„Nein, Herrin!“

„Dann nimm‘ das Grinsen aus dem Gesicht!“

„Ja, Herrin!“

‚Diese doppelzüngige Bitch-Fotze!‘, maulte sie in sich hinein, während sie weiter hinter der Senior Sub die Stufen hinauf ging. Wobei sie bemerkte, dass die Stimmen und Geräusche hinter ihr immer leiser wurden. Und das Licht, je weiter sie nach oben ging, immer dunkler wurde. Das Klick-Klack der High Heels der Senior Sub vor ihr wurden immer mehr zur einzigen Orientierung. Leise zählte sie die Stufen vor sich her und versuchte sich im Dunkel zu orientieren.

„Bleib stehen!“

„Ja, Herrin!“

Die Senior Sub stellte eine Kerze auf das Treppenpodest und das Klick-Klack wurde lauter, als sie die Stufen zu ihr herunter kam.

„Du wirst nun die Kerze nehmen und den Raum betreten. In der Mitte des Raumes steht ein Stuhl. Du wirst die Kerze unter den Stuhl stellen und Dich daneben. Hast Du das verstanden?“

„Ja, Herrin. Ich werde die Kerze unter den Stuhl stellen und mich daneben.“

„Nun, dann tue es!“

Sie stolperte die Treppen nach oben zum Podest, während Sie das Klick-Klack als leiser werdendes Geräusch wahr nahm. Mit der Kerze in der Hand suchte sie die Türe in der Dunkelheit und fand den Griff. Langsam drückte sie diesen nach unten und sie schob eine schwere Holztüre auf. Auf der Türe waren Schnitzereien und im Flackern des Kerzenlichtes war es ihr, als würden die Figuren auf der Türe sich bewegen. Kleine Wesen, die sich zügelloser Leidenschaft hingaben. Ihr war mulmig, aber ihre Erregung brachte ihr dennoch ein wohliges Gefühl, welches langsam über ihren Rücken kroch. Sie betrat den Raum.

Sie sah nichts. Absolut nichts. Aber es roch. Gut. Holz. Leder. Dicke Stoffe. Frisch. Ihr Füße tappten über Parkett. Es war, als wäre der Raum so groß wie ein Fußballstadion, als sie endlich den Stuhl fand. Sie blieb stehen. Lauschte in die Stille, ob sie alleine sei oder bereits beobachtet wurde. Doch sie hörte nur das Rauschen ihre Blutes in den Schläfen.

Sie bückte sich, um die Kerze unter den Stuhl zu stellen. Als sie sich wieder aufreckte, glitt sie mit ihren Händen den Stuhl entlang. Holz, Schnitzereien, Leder – oh – Ringe, Klammern, Schlösser.

Sie lächelte. Und stellte sich neben den Stuhl. Die Beine gespreizt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.

Und wurde nass.

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